INTERVIEW MIT THOMAS BELLERSHEIM ZUR AKTUELLEN BENZINPREISENTWICKLUNG


Auch Angst vor Krieg in Arabien treibt Spritkosten hoch

Interview Thomas Bellersheim erklärt die komplexen und globalen Zusammenhänge, die zum Benzinpreis führen

M Kreisgebiet. Der Benzinpreis kennt nur einen Weg: den nach oben. Doch woran liegt das? Was macht Super und Diesel an der Zapfsäule derzeit so teuer? Die RZ sprach mit Thomas Bellersheim (41, Neitersen), Geschäftsführer der Bellersheim-Tankstellen und Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Koblenz.

Warum nähern sich die Spritpreise aktuell neuen Rekordwerten an?

Der Rohölpreis ist wieder über 120 US-Dollar je Barrel geklettert und bewegt sich weiter in Richtung seines Höchststandes von 2008. Das ist auch der geopolitischen Unsicherheit in Arabien geschuldet. Die Angst vor einem Krieg am Golf, wo mit Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Iran oder Irak die größten Erdöl exportierenden Länder der Welt sind, führt zu massiven Spekulationen im Öl. Alle Faktoren zusammen treiben den Preis weiter hoch. Auch wenn Deutschland nur kleine Mengen aus diesen Ländern einführt, basieren die Preise auf dem OMR, dem Öl-Markt in Rotterdam. Dieser Preis bildet die Wiederbeschaffungskosten ab und ist die Kalkulationsbasis. Da andere europäische Länder wesentliche Mengen ihres Öls aus dem Krisengebiet erhalten, wirkt sich das auch auf uns aus. Im Vergleich zu 2008, wo der Euro sehr stark war und damit der Umrechnungsfaktor für uns von Vorteil, schwächelt der Eurokurs zurzeit und belastet den Einkaufspreis zusätzlich. Allerdings ist auch der Staat ein Kostentreiber. Bei einem Preis für Superkraftstoff von 1,60 Euro pro Liter liegt der Produktpreis ohne Mineralöl- und Mehrwertsteuer bei etwa 68 Cent. Es bleiben also pro Liter 92 Cent beim Staat.

Müssen wir bald mit Literpreisen von 2 Euro oder mehr rechnen?

Das kann ich nicht beantworten. Man sollte nicht vergessen, dass die Opec-Staaten zwar ein Interesse an einem hohen Ölpreis haben, aber sich sehr wohl bewusst sind, dass ein zu hoher Preis zu einer schnelleren Abkehr des Verbrauchers vom Öl führt. Deshalb steuern Staaten wie Saudi-Arabien massiv gegen eine weitere Steigerung des Rohölpreises und erhöhen die Produktion. Länder wie Saudi-Arabien haben einen Preis von 70 bis 80 Dollar pro Barrel als fairen Preis bezeichnet.

Der Benzinpreis an den Tankstellen ändert sich täglich teilweise mehrmals. Morgens 10 Cent rauf, abends 9 Cent runter. Der Kunde fühlt sich veräppelt. Warum wird so oft an der Preistafel gedreht?

Die Mineralölgesellschaften versuchen eine Durchschnittsmarge zu erzielen. Sie analysieren die anderen Marktteilnehmer genau. Alle Wettbewerbspreise sind offen an der Straße ersichtlich. In den letzten Jahren haben neben der Häufigkeit auch die Höhe der Preissenkungen deutlich zugenommen. Als Konsequenz daraus müssen die Mineralölgesellschaften den Preis immer öfter und stärker anheben, damit die Durchschnittsmarge erzielt werden kann. Im Vergleich über Jahre hat sich die Marge trotz dieser starken Pendelbewegungen aber kaum verändert und gehört zu den niedrigsten in Europa. Man darf auch nicht vernachlässigen, dass das Kartellamt sehr genau bei Preissenkungen hinschaut. Es ist den Gesellschaften verboten, einen Mindestpreis an der Zapfsäule zu unterbieten. Man unterstellt, die Gesellschaften könnten den freien Wettbewerb aushungern wollen. Da dieser Mindestpreis in den letzten Jahren regelmäßig am Montag erreicht war, waren die Gesellschaften sogar gezwungen, den Preis wieder anzuheben, um ein Kartellverfahren zu vermeiden. Man kann also rechnerisch davon ausgehen, dass vor großen Erhöhungen die Margen auf dem Nullpunkt, manchmal sogar darunter – also der Preis an der Zapfsäule niedriger als der Einkaufpreis – waren. Dann erhöhen die Gesellschaften die Preise wieder drastisch, um eine Durchschnittsmarge zu erzielen, weil sie wissen, dass schon wenige Stunden später wieder erste Preissenkungen einen Teil der Marge wegnehmen. Dieses „Spiel“ wiederholt sich unentwegt.

Welchen Einfluss hat der Tankstellenbetreiber auf den Benzinpreis?

Partner von Aral, Shell, Total, Jet oder Esso haben vor Ort keinen Spielraum. Die Preise werden elektronisch von den Mineralölgesellschaften eingestellt. Der freie Markt hat in der Regel Freiheiten. Der Eigentümer kauft den Sprit selbst ein und kann dann auch den Verkaufspreis bestimmen.

Ein Tipp für die Autofahrer: Wann ist der Sprit am günstigsten? Morgens, mittags oder abends? Anfang, Mitte oder Ende der Woche? Oder am Wochenende?

Hier kann ich keinen Tipp geben, da die Mineralölgesellschaften ihre Preisstrategien ständig ändern.

Die Fragen stellte Stefan Nitz

RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Donnerstag, 23. Februar 2012, Seite 20

 

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