Anschluß Zukunft - Keine reine Theorie


Anschluss Zukunft: Keine reine Theorie

Was die Kampagne der heimischen Wirtschaft bedeutet: Praxistest an Bord eines Tanklastzugs

Von unserer Mitarbeiterin Silvia Patt

Kreisgebiet. „Er fährt 'nen 30-Tonner Diesel“, heißt es in dem Lied von Gunter Gabriel. Wenn sein (Vor-)Namensvetter Gunter Schneider am Steuer sitzt, sind es knappe 40. Schneider ist Berufskraftfahrer und Mitarbeiter der Neiterser Firma Bellersheim. Auch Arbeitnehmern wie ihm gilt die Kampagne „Anschluss Zukunft“ der heimischen Wirtschaft, nicht nur ihren Chefs. Was ein Lkw-Fahrer vom Ausbau der heimischen Bundesstraßen hätte, wollten wir wissen und haben ihn deshalb auf einem seiner Wege begleitet.

Gunter Schneider (47) fährt einen der ganz großen Tanklastzüge von Bellersheim. Seine Aufgabe ist es nicht, Heizöl in Wohnhäuser zu liefern, sondern große Mengen Treibstoffe zu Lagern des Unternehmens oder zu Großkunden zu transportieren. Heute hat er Spätschicht, und seine erste Aufgaben ist es, Heizöl in der Raffinerie in Wesseling zu tanken und zur Niederlassung der Firma in Haiger zu bringen.

Um 15.15 Uhr klettert er in seinen Lkw, ich nehme als Beifahrerin Platz. Drei Monate alt ist der Tanklaster, blitzsauber und ausgerüstet mit allem, was zwar nicht das Herz begehrt, dafür aber der Sicherheit dient. Die 440 Pferdestärken bringen den MAN schnell in Schwung. Klar, noch wiegt er nur zwölf Tonnen.

Ganz ähnlich wie ein Autofahrer nach Köln-Wesseling fahren würde, fährt auch Gunter Schneider: Von Neitersen über Schürdt nach Weyerbusch, dann über die B 8 bis Hennef, dort auf die A 560.

61 Kilometer sind das, und alles läuft wie am Schnürchen. Etwas mehr als eine Stunde bis aufs Raffineriegelände – keine schlechte Zeit für jemanden, der auf der Landstraße nur 60 und auf der Autobahn nur 80 fahren darf. Mit dem Pkw hätte man nicht viel weniger gebraucht. Schneider hält auf dem Parkplatz. Zuvor hat er sich am Tor per Plastikkarte an einem Automaten identifiziert und angegeben, was und wie viel er tanken will.

Nach wenigen Minuten leuchtet das Kennzeichen von Schneiders Lkw am „Tower“ der Raffinerie auf. Kurz danach befinden sich 33 000 Liter Heizöl in den Kammern des Lastzuges. Um 16.42 Uhr ist Schneider wieder startklar. Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Nicht nur, dass der Lkw jetzt 28 Tonnen mehr wiegt: Auf den Autobahnen rund um Köln/Bonn hat der Berufsverkehr eingesetzt. Für einige Kilometer geht es nur meterweise voran.

Der stockende Verkehr regt Gunter Schneider auf. „Wenn nur Lkw auf der Spur fahren, werden Sie das nie erleben. Die halten immer genug Abstand, damit sie am Rollen bleiben können.“ Denn wer nicht rollt, schmeißt Geld weg – in Form von Treibstoff fürs Anfahren des schwer beladenen Zuges und von Bremsbelagverschleiß. Knappe 29 Liter Diesel schluckt Schneiders MAN auf 100 Kilometern. Überraschenderweise ist er dabei so „clean“, dass er in die tiefsten Umweltzonen der Innenstädte eindringen dürfte.

Kosten, die bei Otto Normalfahrer nur Cents betragen, können sich bei einer großen Spedition zu Tausenden summieren. Deshalb wird gespart, wo es nur geht. Seit Einführung der Maut auf der B 42 ist sogar das enge, kurvenreiche und steile Sayntal von Bendorf hinauf auf den Westerwald höchst begehrt bei Lkw-Fahrern. „Man spart etwa 1 Euro pro Tour, und der Zeitverlust ist unerheblich“, weiß Schneider.

Inzwischen haben wir die Autobahn glücklich hinter uns und stauen uns nun durch Uckerath. Harmlos findet es der Mann am Steuer heute. „Jeden Mittwoch um 8 Uhr werden in Uckerath die Mülltonnen geleert, mitten im Berufsverkehr. Und keine Chance, am Müllwagen vorbeizukommen“, berichtet er und weiß nicht so recht, ob er darüber lachen oder weinen soll.

Ohne die entsprechenden Ortsumgehungen, so sein Rückschluss, bringt also der ganze Ausbau der B 8/B 414 nichts. Und die Dreispurigkeit müsste auch einmal ein paar Hundert Meter anhalten.

Momentan haben wir erst das Stückchen dreispurige B 8 bei Oberölfen passiert – mit engen Kurven und zudem geschwindigkeitsreduziert. „Das ist noch so ein Problem“, sinniert Gunter Schneider. „Nach einem Ausbau passieren häufig schwere Unfälle, sodass schnell Schilder aufgestellt werden.“ Im Augenblick kann nicht von irgendeinem Ausbau die Rede sein. Im Gegenteil: Wir befinden uns nun auf der B 414 hinter dem Bahnhof Ingelbach, und spätestens hier muss der Lkw-Fahrer das Gerät abschalten, das vor einem Verlassen der Spur warnt. Die Bundesstraße ist hier so schmal, dass es ständig losschnarren würde.

Hinter Hachenburg wird es besser, der dreispurige Ausbau hinauf nach Kirburg gefällt Gunter Schneider gut. Noch besser allerdings die B 54. Am Siegerlandflughafen vorbei geht es dreispurig, kilometerlang und mal für die eine, mal für die andere Richtung zum Überholen freigegeben. Doch hier stehen die Schilder, die er zuvor meinte: Radarkontrollen, weil es mehrere Tote und 20 Verletzte in zwei Jahren gegeben hat.

Um 18.55 Uhr laufen wir auf dem Gelände der Firma Bellersheim in Haiger-Kalteiche ein. Seit der Abfahrt in der Raffinerie sind zwei Stunden und 13 Minuten vergangen. „Normalerweise wäre ich von Wesseling über die A 4 und A 45 nach Haiger gefahren. Das sind 1 Stunde und 40 Minuten. Aber auch 14 Euro Maut.“ Bei einem entsprechenden Ausbau der Westerwälder Ost-West-Achse könnten sich die Zeiten annähern, die Maut sowie einige Kilometer pro Tour gespart werden. Das hört sich nicht nach viel an, doch läppert es sich gewaltig: Gunter Schneiders Lkw hat in seinem ersten Vierteljahr schon 50 000 Kilometer abgerissen – und seine Firma besitzt etliche davon.

Um 19.43 Uhr ist der Inhalt des Lastzugs komplett in die unterirdischen Tanks der Niederlassung Haiger gepumpt. Drei Minuten später sind wir auf dem Weg zurück über die B 414.

Gunter Schneider ist kein Mann, der die Probleme eines Ausbaus nicht sehen würde. „Schauen Sie mal da, da und da“, deutet er kurz vor Hachenburg. Die Bundesstraße wird innerhalb weniger Hundert Meter von drei Brücken überspannt. Die Brückenpfeiler stehen unmittelbar neben der Fahrbahn. Würde man die Straße verbreitern, wären auch diese Brücken neu zu bauen – ganz zu schweigen von einer, die die B 414 selbst trägt. Auch das Problem, dass nach einem Umgehungsbau die Orte oft veröden, ist ihm bewusst.

Um 21.06 Uhr sind wir zurück in Neitersen. Gunter Schneider war so nett, mich dorthin zurückzubringen, bevor er weiterfährt nach Bendorf und Boden. Sechs Stunden sind vergangen, seit er seine Schicht begonnen hat. Sechs Stunden für einen Auftrag.

RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Mittwoch, 7. November 2012, Seite 22

 

Zurück