GELBER SACK: HIER ROLLT MÜLL VOM BAND


Seit 15 Jahren gibt es bei Bellersheim in Boden eine Sortieranlage.

Seit 15 Jahren gibt es beim Abfallwirtschaftsbetrieb Bellersheim in Boden eine Sortieranlage für Müll aus den gelben Säcken. Fast genauso lange schon stehen Lydia Müller, Ermelinda Ferreira und Muana Nsuku gemeinsam am Band.

"Toi, toi, toi - bis jetzt hatten wir noch keine Leichen und noch keine Bomben - wir sind verschont geblieben. In anderen Sortieranlagen ist das alles schon vorgekommen", freut sich Achim Schäfer. Er ist Anlagenleiter beim Abfallwirtschaftsbetrieb Bellersheim in Boden. Seit 16 Jahren gibt es den gelben Sack, und seit 15 Jahren betreibt das Unternehmen eine Sortieranlage um Verwertbares von nicht Verwertbarem zu trennen - für Sperrmüll und für Verpackungsmüll.

"Früher hat man alles, was man sich denken kann, in den gelben Säcken finden können: Reifen, Mopedteile, Elektromotoren, ja sogar zerschnittene Heizöltanks", meint Schäfer. Natürlich gibt es noch eine Menge Störstoffe, die im gelben Sack nichts zu suchen haben. Um genau zu sein, dieser Anteil liegt sogar zwischen 30 und 35 Prozent, doch dabei handelt es sich in der Regel um "normalen" Müll: Küchenabfälle oder Essensreste.

Doch die Sortieranlage in Boden befindet sich auf dem aktuellen Stand der Technik. Die verschiedenen Materialien oder Fraktionen, wie der Fachmann sagt, werden mit Nahinfrarotkameras erkannt und mit einem Luftstoß,der nur den Bruchteil einer Sekunde dauert, in die richtige Bahn gelenkt. "Abgeschossen" wird dies von dem hier arbeitenden Personal genannt. Außerdem werden mithilfe einer ausgeklügelten Siebtechnik Kleinteile ausgesondert. Alles, was kleiner als vier Zentimeter ist, landet in Containern, zu denen kein menschlicher Zugriff mehr erforderlich ist. Es landet im Restmüll. "Auch wenn sich in den vergangenen Jahren vieles verbessert hat, problematisch sind immer noch Einwegspritzen. Ein kleiner Teil landet immer noch bei der Endkontrolle", erklärt der Anlagenleiter. Die Endkontrolle muss wie eh und je von menschlicher Hand durchgeführt werden.

Jeder, der in der Sortieranlage arbeitet, wird regelmäßig von einem Betriebsarzt untersucht, erhält Impfungen gegen Hepatitis A, Hepatitis B und Tetanus. Nach den Kriterien der Berufsgenossenschaft sind die Arbeitsplätze am Sortierband mit einer Absauganlage und einer Frischluftpunktbelüftung ausgestattet. Das schützt vor Staub, Keimen und Pilzen. Außerdem wird so der Geruch vermindert, denn es handelt sich immer noch um die Arbeit mit Müll. Das Tragen von Staubmasken ist Pflicht, wird aber nicht immer durchgängig eingehalten. Eine Unterhaltung ist damit fast unmöglich, und bei Hitze erschwert es das Atmen. Am Sortierband steht eine internationale Truppe. Ermelinda Ferreira kommt aus Portugal, Muana Nsuku aus dem Kongo und Lydia Müller aus Kasachstan. Seit mehr als zehn Jahren schon sortieren sie gemeinsam den Abfall. Nur wenn einer Urlaub macht oder durch Krankheit ausfällt, wird er ersetzt. "Ich arbeite jetzt mehr als elf Jahre an dieser Stelle", erzählt Lydia Müller. "In der Zeit hatte ich vielleicht drei oder vier Mal eine Erkältung, sonst nichts." Während sie redet, hat sie die ganze Zeit die unter ihr langlaufenden Teile im Blick. Das Band befördert mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 Zentimetern die Sekunde die sogenannten Leichtverpackungen. "Am Anfang, ja am Anfang, da wurde mir schon etwas schwindelig. Wenn man von dem Band weggeht, fängt man an zu torkeln. Aber das vergeht schnell."

Mit sicherer Hand greift sie eine PET-Flasche, die gesondert gesammelt werden muss, und wirft sie ohne hinzusehen in einen neben ihr befindlichen Abwurfschacht. Für Außenstehende kaum zu erkennen entdeckt sie einen Störstoff, eine Socke, die in einer Plastiktüte steckt. Das Kleidungsstück landet genauso zielsicher in einer hinter ihr stehenden Tonne. "Den ganzen Tag stehen ist schon hart - das Band läuft immer, das ist nicht so einfach. Aber andere Arbeit ist auch hart." 30 Tage Urlaub hat sie im Jahr, und mit der Bezahlung sind sie und ihre Kollegen zufrieden.

Im Jahr 2008 werden eine Menge von rund 10 000 Tonnen Leichtverpackungen (LVP) anfallen. Eine Menge, die im Einschichtbetrieb von den drei erfahrenen Sortierern quasi im Alleingang abgefertigt wird.

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Sortieren seit mehr als zehn Jahren gemeinsam den Müll aus den gelben
Säcken (von links): Lydia Müller aus Kasachstan, Ermelinda Ferreira aus
Portugal und Muana Nsuku aus dem Kongo.

Im Jahr 2007 wurde in Boden 32000 Tonnen Müll aus den gelben Säcken sortiert. 2008 werden es rund 10000 Tonnen sein.

Westerwälder Zeitung vom 17.07.2008, Seite 11.

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