DER EXPERTE WEIß KEINEN RAT


VEH-Vorsitzender Rudolf Bellersheim im Interview über die hohen Heizölpreise und Möglichkeiten des Energiesparens

Heizöl jetzt kaufen oder noch warten? Diese Frage stellen sich angesichts der horrend hohen Ölpreise viele Verbraucher. Aber auch der Experte ist ratlos: "Ich kann dem Kunden momentan wirklich keinen Tipp geben", sagte Rudolf Bellersheim (Neitersen) im Interview mit unserer Zeitung.

Rudolf Bellersheim ist seit fünf Jahren Vorsitzender des Verbandes der Energiehändler (VEH) im Südwesten Deutschlands. 950 Firmen in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Hessen und Thüringen gehören diesem Zusammenschluss an. Das Gespräch im Wortlaut:

Hat Sie die Entwicklung des Ölpreises in dieser geballten Form überrascht?

Die hat mich in diesem Ausmaß schon überrascht. Nachdem in der vergangenen Zeit immer mehr Warenterminbörsen in den Vordergrund getreten waren, war logisch, dass irgendwann auch das Öl davon betroffen sein würde. Viele Broker versuchen inzwischen, auch am Öl, das hauptsächlich an der New Yorker Ölbörse, der NYMEX gehandelt wird, Geld zu verdienen. Dadurch sind entsprechende Ausschläge nach oben kaum zu verhindern. Durch dieses Problem wird auch viel Kaufkraft abgeschöpft. Viele kommen in Schwierigkeiten, weil sie teures Heizöl und teuren Sprit nicht mehr bezahlen können. Der Preis muss wieder auf ein realistisches Niveau zurückgeführt werden.

Ist dieser hohe Rohölpreis eigentlich gerechtfertigt?

Preise und damit auch der Rohölpreis bilden sich zunächst grundsätzlich am Markt. Momentan wird der Preis zunächst durch die hohe Nachfrage aus China und Indien und die gleichzeitig knappen Raffinerie- und Lagerkapazitäten weltweit nach oben getrieben. Zusätzlich wird das Problem an der Warenterminbörse künstlich durch die Spekulation unverantwortlich verschärft. Immer wieder neue Argumente werden dann ins Feld geführt, um den Preis zusätzlich künstlich hoch zu halten.

Spüren Sie als Lieferant, dass Ihre Kunden sich verstärkt anderen Energieträgern zuwenden?

Wenn die Preise hoch sind, wie wir das beispielsweise Anfang der 70er Jahre bei der Ölpreisexplosion hatten, schwenken einige Hausbesitzer, gerade hier im Westerwald, verstärkt auf Holz um, weil viele die Möglichkeit haben, mit Holz zu heizen. Gas ist aber immer weniger eine Alternative, weil die Gaspreise im Durchschnitt doch noch deutlich höher als der Heizölpreis liegen.

Geht der Verkauf von Heizöl zurück?

Sicherlich. Mittel- und langfristig sinkt der Absatz allein schon durch die Energieeinsparung, u.a. durch modernste Geräte wie der Brennwerttechnik. Zur Zeit werden vermehrt kleinere Mengen gekauft, um sich über die nächsten Monate zu retten. Viele unserer Kunden lassen nur 2000 bis 3000 Liter - oft sogar deutlich weniger - nachfüllen, so dass sie mehrmals im Jahr tanken müssen, in der Hoffnung, später von niedrigeren Preisen zu profitieren. Wir können jedoch dem Kunden leider im Voraus auch nicht sagen, wann der Preis am günstigsten ist. Wir sind auch nur das vorletzte Glied in der Kette.

Wäre der Staat jetzt gefordert - zum Beispiel mit dem Aussetzen der Öko-Steuer?

Die Ökosteuer fällt weniger beim Heizöl, aber sehr viel stärker beim Benzin an. Es ist sicher generell die Frage: Was kann sich der Staat überhaupt noch leisten? Kann er eine solche Steuersenkung überhaupt wieder rückgängig machen? Beim Heizöl kann der Staat nicht viel machen, weil nur eine geringe Steuer erhoben wird. Das sind lediglich sechs Cent plus Mehrwertsteuer. Beim Benzin würde eine Reduzierung der Ökosteuer um sieben Cent den Verbraucher schon entlasten. Gerade für den Westerwald, wo viele Pendler wohnen, wäre das eine interessante Maßnahme.

Wie hoch wird der Ölpreis Ende des Jahres sein?

Das ist nicht vorauszusagen. Die einen Experten vermuten ihn bei 80 Dollar pro Barrel, die anderen sehen Potenzial nach unten bis auf 55 Dollar oder weniger. Als der Heizölpreis bei 50 Cent inklusive Mehrwertsteuer bei der Abnahme von 3000 Liter lag, haben wir vielen Kunden geraten, Öl zu kaufen. Diesen Rat haben auch viele befolgt. Jetzt liegt der Literpreis bei 64 Cent inklusive Mehrwertsteuer für entsprechende Partien. Ich glaube, dass der Ölpreis in diesem Jahr nicht weit nach unten gehen wird, weil der Bedarf doch groß ist und im Herbst vor der Heizsaison noch weiter zunehmen kann. Denn ich gehe davon aus, dass viele Tanks zu weniger als 50 Prozent gefüllt sind.

Können Sie dem Kunden einen Rat geben: kaufen oder noch abwarten?

Nein, absolut nicht. Ich kann dem Kunden momentan wirklich keinen Rat geben.

Was wäre denn der gerechtfertigte Preis für einen Liter Heizöl?

Der Preis sollte nach den realen Marktverhältnissen eher um die 40 Cent inklusive MwSt. liegen. An die Zeiten, in denen der Liter 20 Cent oder deutlich weniger kostete wie beispielsweiser Mitte der 60er-Jahre, werden wir natürlich auf absehbare Zeit nicht wieder herankommen.

Hat der Kunde überhaupt eine Möglichkeit des Sparens beim Heizölverbrauch?

Wir raten allen Kunden, Premium-Heizöl zu kaufen. Das ist ein additiviertes Öl, das anderthalb Cent pro Liter teurer ist, aber beim Verbrauch mindestens fünf Prozent spart. Das macht sich nicht nur im Geldbeutel bemerkbar, es kommt auch der Heizungsanlage zugute. Der Wirkungsgrad ist ganz einfach höher. Für neue Anlagen empfehlen wir eine Kombination aus Brennwertkessel in Verbindung mit einer Solaranlage. Brennwertkessel benötigen jedoch das schwefelarme Heizöl. Mittel- und langfristig rentiert sich aber in jedem Fall, die momentan modernste Technik einzusetzen.

Rhein-Zeitung - Ausgabe Region Altenkirchen vom 25.08.2005, Seite 11.

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